Johannes Tappert & Thomas Müller-Pering
Antonio Diabelli - La Gazza Ladra. Guitar Duos,2006
Anton Diabelli (1781-1858) war ein österreichischer Komponist, Arrangeur, Pädagoge und Musikverleger. Er lebte nach seiner Schul- und Studienzeit, die er hauptsächlich in Bayern verbrachte, als Klavier- und Gitarrenlehrer in Wien. Von 1818 bis 1851 war Diabelli auch als erfolgreicher Verleger tätig.
Von seinen eigenen, unzähligen Kompositionen konnten sich nur wenige dauernd behaupten: Heute noch in Gebrauch sind seine instruktiven Klavierwerke (Sonatinen, vierhändige Sonaten) und die kammermusikalischen Gitarrenwerke. Ein nicht unerheblicher Teil von Diabellis Kompositionen sind Bearbeitungen schlagerähnlicher Melodien, Opernouvertüren und -arien, darunter zahlreiche der sehr populären Ouvertüren Gioacchino Rossinis.
Ähnlich wie bei seinem Zeitgenossen Mertz sind fast sämtliche Gitarrenduos von Diabelli für Terz- und Primgitarre gedacht. Diabelli weist allerdings in verschiedenen Werken ausdrücklich auf die ersatzweise Verwendung einer Primgitarre mit Kapodaster für die erste Gitarre hin. Diabelli verwendete Terzgitarren in seinen Gitarrenduos (und -trios), um das dunkle Timbre der Gitarre nach oben hin aufzuhellen und damit die Werke klanglich durchsichtiger zu machen.
Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um Ersteinspielungen von Werken, die lange als verschollen bzw. unbekannt galten. Daß es möglich ist, eine vollständige CD mit "neuen" Werken eines bekannten klassischen Komponisten aufnehmen zu können, ist ein besonderer Glücksfall, der nur der Großzügigkeit von Prof. Olaf Van Gonnissen und Ulrich Wedemeiers zu verdanken ist, die dankenswerter Weise Kopien der Manuskripte zur Verfügung stellten.
Serenade op. 100
Quelle: "Vme Grande Sérénade", Manuskript aus der Sammlung S. G. Holm's, Königliche Bibliothek Kopenhagen und Erstdruck beim Verlag "Steiner et Comp." (zur Verfügung gestellt von Prof. Olaf Van Gonnissen und von Ulrich Wedemeier).
Zunächst folgt die Serenade mit der Marcia als Eröffnungssatz den normalen Gepflogenheiten des Serenadentypus. Wie bei Diabelli üblich, findet hier ein ständiger, gleichberechtigter Dialog zwischen den Instrumenten statt, der mit genauesten dynamischen und artikulatorischen Angaben im Gleichgewicht gehalten wird. Auch das Menuett ist mit der Melodieführung durch die Terzgitarre und nur gelegentlichen Einmischungen der Primgitarre im Rahmen des Üblichen instrumentiert. Im Andantino avec Echo jedoch bricht Diabelli aus den üblichen Schemata aus und bringt einen programmatisch geprägten, besonders effektvollen Satz: die Echos sind in der Kopenhagener Abschrift in kleinen Stichnoten notiert und fordern von ff bis pp vorgeschriebene Kontraste. Dieser Echo-Effekt ist - für die Interpreten sehr faszinierend - mit den Gitarren des 19. Jahrhunderts besser zu realisieren ist, als mit den heutigen Instrumenten. Im Rondo Pastorale bringt Diabelli im Anfangsteil die typische, sanfte Hirtenmelodik, die in der Regel geprägt ist durch geringe rhythmische und dynamische Kontraste. Doch schon bald karikiert er die Form durch stärker werdende Dynamik, später zusätzlich durch harmonische Ausweitungen und kurzfristige, dramatische Effekte. Den Schluß bildet dann wieder ein versöhnend ruhiger, aber überraschender Abgang. Wie in der schon länger bekannten Serenade op. 63 schließt auch op. 100 mit einer Marcia ab. Doch auch hier bricht Diabelli mit den üblichen Gepflogenheiten: im Mittelteil zelebriert er ein massives dynamisches Aufbäumen, verwandelt das Bilderbuch-Marschthema in einen Seufzer und läßt das Werk nicht mit einem traditionell, effektvollen Schluß explodieren, sondern "scemando" (abnehmend) - immer leiser werdend - aushauchen.
Variationen op. 57
Quelle: "Variationen sopra un tema favorito", op. 57: Erstdruck beim Verlag "Giovanni Ricordi, Milano", Bibliothek des Konservatoriums Mailand, Wiederveröffentlichung 1997 beim Musikverlag Zimmermann (ZM 30630).
Zur Quelle des Themas gibt Diabelli keine Informationen. Der relativ große Ambitus und der lebendige Charakter läßt vermuten, daß es sich nicht um ein Volkslied, sondern um eine Opernmelodie handelt. Ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts verdichten sich die ersten drei Variationen durch Beschleunigung: Sechzehntel, Sechzehnteltriolen (gegen Sechzehntel!) und Zweiunddreißigstel. Als Charaktervariationen folgt eine schnelle Marcia (Allegro), die vom ungewöhnlichen Kontrast des strammen Marschrhythmus gegen die perlende Sechzehntelfigur in der zweiten Gitarre und den extremen, flächigen dynamischen Angaben lebt. Den Abschluß bildet, wie es bei Diabelli öfter zu finden ist, eine ruhige Pastorale, die Diabelli mit auffällig genauen dynamischen Angaben versehen hat.
Rossini-Zyklus
Quelle: "Ouverture", "Arien-Zyklus" und op. 8: "Aria dell´opera ‚La gazza Ladra'" - die Arie der Podesta [Marcia]. Die Ouverture wurde als Einzelausgabe und die weiteren Sätze in der Reihe "Orpheus / melodische Sätze / für zwei Guitarren / zur Bildung des Vortrages und Geschmackes" in mehreren Bänden beim Verlag "Cappi und Diabelli" herausgegeben (zur Verfügung gestellt von Ulrich Wedemeier). Op. 8 liegt in einer Abschrift aus der Sammlung S. G. Holm's, Königliche Bibliothek Kopenhagen vor (zur Verfügung gestellt von Prof. Olaf Van Gonnissen) und ist 2003 beim Hofmeister Musikverlag (FH 2837) als Erstausgabe veröffentlicht worden.
Unabhängig davon, wie Gioacchino Rossinis (1792-1868) Ouvertüren heute bewertet werden - vielfach wird ihr künstlerischer Wert in Zweifel gezogen - kann sich kaum jemand ihrem kraftvollen Schwung, dem Reiz der melodischen und rhythmischen Vitalität entziehen. Zu Lebzeiten Rossinis waren sie Schlager und wurden wegen ihrer besonderen Popularität auffallend häufig für die damals gebräuchlichen Kammermusikbesetzungen arrangiert. Unter anderem wurde die Ouvertüre zu "La gazza ladra" (Die diebische Elster) auch von Ferdinando Carulli für Flöte, Violine und Gitarre und von Mauro Giuliani für zwei (Prim-) Gitarren bearbeitet.
Die für die Ouvertüren von Rossini so typische Spannungssteigerung prägen vor allem diejenigen aus der sogenannten frühen Reifezeit von 1813 bis 1817. La gazza Ladra entstand 1817 in Neapel. Die häufigen Selbstanleihen vor allem im thematischen Material schließen für die meisten Ouvertüren einen Bezug zum Material der jeweiligen Oper aus. Die Ouvertüre zu La gazza Ladra ist jedoch sowohl im Charakter als auch in ihrer Thematik programmatisch eng mit der Oper verknüpft. Der Gegensatz zwischen den martialischen Rhythmen und den lyrischen Partien hat direkten Bezug zum dramatischen Geschehen in der Oper, in der Ninette, die einfache Dienstmagd des Gianetto des Diebstahls eines Silberlöffels angeklagt und zum Tode verurteilt wird. Erst kurz vor der Vollstreckung - der Trauermarsch wird bereits gespielt - wird aufgedeckt, daß der eigentliche "Dieb" eine Elster ist.
Diabelli bearbeitete neben der Ouvertüre in weiteren 11 Einzelsätzen die wichtigsten Arien aus der Diebischen Elster und schuf damit ein höchst effektvolles und zum Teil hochvirtuoses Gesamtkunstwerk, das der dramatischen Wirkung des Originals trotz des verhältnismäßig leisen Instrumentariums durchaus gerecht wird.
Für Gitarre ist übrigens außer Giulianis Solo-Gitarrenfassung der Rossini-Oper Semiramide kein weiteres Arrangement eines fast vollständigen Opernzyklus bekannt.
Der versierte Gitarrist Diabelli ist in seiner Instrumentierung an die Grenzen des musikalisch wie technisch Machbaren gegangen. Während man in seinen originär gitarristischen Werken eine instrumental-idiomatische Schreibweise feststellen kann, liegt hier eine kompromißlos programmatische Instrumentalbehandlung vor. Die virtuosen Gesangspartien, die schnellen Orchesterpassagen sind in der Terzgitarre ohne Rücksicht auf instrumentale Schwierigkeiten umgesetzt, während die Primgitarre dem homophonen Charakter der Stücke entsprechend den harmonischen und rhythmisierenden Orchesterpart übernimmt. Die anderen Werke auf dieser CD sind ausgeglichener, klanglich differenzierter und im Zusammenspiel diffiziler instrumentiert.
Die Instrumente:
Beide Gitarren tragen auf dem Label den Namen Johann Georg Staufer. Während das kleinere Instrument sicher ein Original ist, handelt es sich bei der größeren um eine Gitarre, die möglicherweise von einem anderen Instrumentenbauer unter dem Namen des berühmten Kollegen gebaut wurde.
JOHANN GEORG STAUFER, der erfindungsreiche Meister auf dem Gebiete des Instrumentenbaues, geb. 26.1.1778 in der Wiener Vorstadt Weißgärber, gest. 24.1.1853 im Bürgerversorgungshaus zu St. Marx (Wien), wurde 1800 als Geigenmacher Bürger von Wien.
Nach Angaben des Spezialisten für Gitarren des 19. Jahrhunderts Bernd Kresse begann Staufer um 1805 den Gitarrenbau mit einem Modell, das möglicherweise Giuliani oder ein anderer italienischer Spieler nach Wien mitbrachten. Dieses "Italienische Modell" hatte einen schlanken, langen Korpus, eine 65er Mensur, ein Griffbrett auf der Ebene der Decke, einen traditionellen Steg und eine Kopfplatte mit Steckwirbeln. Staufer baute dieses Modell bis in die dreißiger Jahre. Etwa ab 1815 entwickelte er auf Anregung des italienischen Gitarrenvirtuosen Luigi Legnani (1790-1877) das so genannte "Legnani-Modell" mit leicht gewölbtem Boden, schlanker Taille, verstellbarem Hals mit größerem Tonumfang im Diskant, kürzerer Mensur (um 62 cm) und der so genannten "Staufermechanik", bei der die seitenständigen Wirbel auf der linken Seite des Kopfes angeordnet waren.
Staufer war auch sonst sehr experimentierfreudig: er baute z. B. in der Absicht, den Tonumfang der Gitarre zu erweitern sogenannte "Doppelgitarren" und 1823 ließ er seine "Arpeggione", ein Zwitter zwischen Violoncello und Gitarre durch V. Schuster vorführen. Ab 1836 führte sein Sohn Johann Anton die Werkstatt mit dem Vater zusammen, wie verschiedene Instrumentenzettel erweisen: z. B. "Johannes Georgius et Antonius filius..." Etwa aus dieser Zeit stammen die ersten datierten Instrumente der beiden genialen Instrumentenbauer.
Die neuen, kraftvolleren Instrumente Staufers fügten sich gleichberechtigt in Kammermusikensembles mit den zu seiner Zeit gebräuchlichen Instrumenten ein und prägten nicht unwesentlich den eigenen Charakter, der diese Werke der Frühromantik auszeichnet.
Die "kleine Italienerin":
Das schlichte Label "Johann Georg Staufer in Wien", die Mensur von 61cm, die fehlenden Ornamente und die insgesamt sehr schlichte Bauweise lassen für diese Gitarre eine Geburtsstunde aus der Anfangszeit der "italienischen Periode" vermuten -also um 1805. Die Mensur deutet nicht eindeutig auf die geplante Besaitung als Terzgitarre hin, das Instrument klingt auch als Primgitarre besaitet ausgeglichen. Allerdings ergibt sich nur in der Terzstimmung der Eigenschwingungston auf der 5. Saite im 4. Bund, was rund eine Quarte höher als bei den meisten modernen Gitarren und typisch für die Instrumente Staufers ist. Als Stimmton wurden 425 Hz gewählt: Brillanz, Trennschärfe, Lautstärke- und Klangfarbenspektrum erreichen dann ein verblüffendes Niveau und lassen auf die außergewöhnlichen Künste Staufers bei der Klangabstimmung seiner Instrumente schließen.
Die Gitarre wurde Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf einem Dachboden in Österreich in sehr desolatem Zustand gefunden und von Bernd Holzgruber in Velden restauriert.
Das Besondere an dem Instrument sind drei original erhaltene Konus-Stimmwirbel, die ich wegen ihrer Einzigartigkeit "Staufer-Wirbel" getauft habe. Die Holzgriffe sind in einem Doppelkonus aus Messing befestigt, der über eine kleine Flügelmutter den Widerstand und damit die Leichtgängigkeit der Wirbel einstellbar macht; eine große Verbesserung gegenüber traditionellen Holzwirbeln, die in dünnen Kopfplatten zuwenig Angriffsfläche finden und wenig Stimmkomfort bieten. Die drei fehlenden Wirbel wurden durch exakte Kopien ersetzt, die heute auch für Restauratoren ähnlicher Instrumente erhältlich sind (Email: stauferwirbel(at)tappert.de).
Die "große Reife":
Die Herkunft der Primgitarre, mit dem Label "Johann Georg Staufer 1841" ist noch nicht geklärt. Die für Staufer ungewöhnliche Form, das unbekannte Label, eine "Staufermechanik", die anders aussieht als die bisher bekannten und ein Stempel im Inneren der Gitarre (Hlawsa Geigenmacher, Wien, XIV. Mariahilfgasse 225) deuten darauf hin, daß hier eventuell ein anderer Instrumentenbauer von der Verwendung des berühmten Namen profitieren wollte.
Andererseits spricht die außergewöhnliche Qualität des Instrumentes dafür, daß hier ein hervorragender Instrumentenbauer gearbeitet hat, der den Verkauf unter fremden Namen nicht nötig gehabt hätte. Die Form könnte durchaus auch der Experimentierfreude Staufers zugerechnet werden und der Stempel könnte anläßlich einer späteren Reparatur dazu gekommen sein. Bautechnische Details im Inneren des Instruments lassen die Handschrift Staufers erkennen. Das Instrument würde dann aus der letzten Schaffensperiode des Meisters stammen.
Die Ausgeglichenheit zwischen Diskant und Baß, die Trennschärfe der Mittelstimmen, das breite Dynamikspektrum, die spontane tonliche Ansprache und die geradezu verzaubernde Klangschönheit fallen selbst im Vergleich mit guten modernen Instrumenten auf.
Gioacchino Rossini - La Gazza Ladra (arr.: A. Diabelli)01. I. Ouverture 9:36
02. II. Cavatina des Gianetto 4:53
03. III. Duetto 5:29
04. IV. Cavatina der Ninette 5:41
05. V. Aria des Podesta 4:44
06. VI. Trauermarsch-Andante Mesto 2:58
07. VII. Schlussgesang-Andante Grazioso 3:00
08. Antonio Diabelli - Variationi Sopra Un Tema Favorito Op.57 9:34
Antonio Diabelli - Grande Serenade op.10009. I. Tempo di Marcia 2:48
10. II. Menuetto, Moderato Cantabile 3:34
11. III. Andantino Avec Echo 3:13
12. IV. Rondo Pastorale 7:41
13. V. Marcia Allegro 2:45
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